top of page
11147136_10207300594541783_3102104654399696747_o.jpg

Melissa Nielsen

Lyrik

​"If I love you I have to make you conscious of the things you don't see."

James Baldwin

Bett(27).jpg

Atelier 

 

Ich bin eine andere geworden

seitdem ich das letzte Mal  

in deinen Räumen war.  

Es ist jetzt Zeit.  

Ich möchte, dass du mich malst.  

Ich lege mich hin für dich

wie Judith für Klimt, Iris für Modigliani 

und die roten Mädchen aus Paris für Renoir.  

Ich möchte, dass du mich in deine Farben tauchst,  

bis ihr Öl von meinen Haaren tropft

und über meinen Körper fließt,  

zwischen die Finger deiner Hände,  

die meinen Formen folgen,  

wie ein Töpfer den Rundungen feuchten Tons.  

Siehst du nicht, wie er sie küssen will  

und hält am Höllentor? Rodin.  

Wie sie sie hält? Manet. Chagall:  

Wie er sie liebt?  

Lass ihn sie küssen und halten.  

Ein Maler wie Klimt  

ließ ihn sie küssen  

und halten.

In: Bibliothek Deutschsprachiger Gedichte
Ausgewählte Werke XXII

Home: Quote
Bett(45).jpg

Muttermal

 

Sie hat ein Muttermal auf ihrer Hüfte, 

das liegt dort wie ein kleiner brauner See. 

Und dieser See ist wie umrahmt von einer 

Landschaft ohne Weg und Ziel, 

aber durch die ich fahren kann, 

mit meinen Fingern. 

Und ihr Slip ist wie ein Hafen, 

der verbirgt, wohin es geht, 

wenn sie sich aufsetzt und erzählt, 

oder sich mit ihrem nackten Mund  

und Augen in den Laken dreht. 

Und ihre Haut ist wie vom Sand im Wind 

ganz weich geschliff'ner Stein. 

Ich segle heut zu deinem Hafen. 

Ich kaufe dort ein Boot für dich. 

Wir fahren zur See.

In: Pappelblatt, Zeitschrift für Literatur, Menschenrechte und Spiritualität
Wien, 2019

Home: Quote
Bett(16).jpg

Bisschen Mascara

Manchmal ziehe ich mein Gesicht 

falschherum auf, dann fällt etwas heraus 

oder es beginnt zu tropfen.

Heute, zum Beispiel, da ist es passiert,

da hat es pulsiert.

Nicht mal Schminken ging mehr.

 

Da hab ich mir das Teil vom Schädel gerissen, 

in eiskaltes Wasser in die Spüle geschmissen,

doch die Haut an den Seiten, die war schon so dünn, 

sie ist mir tatsächlich eingerissen! 

Morgens um 8! 

 

Was hab ich dann mit dem blutenden Ding gemacht?

Ja, was willst du auch machen? Es wurd ja schon spät.

Also hab ich’s, trotz seiner Porosität,

seitlich wieder zusammengenäht.

Und dann hab ich’s, 

natürlich halb zerfetzt,

richtigherum wieder aufgesetzt. 

Bisschen Mascara.

Und dann bin ich zur Arbeit.

 

Jetzt ist es schon Abend und ich hab’s immer noch an.

Nur trau ich mich nicht, es mehr auszuziehen.

Was, wenn ich’s dann nicht mehr tragen kann?

Was zieh ich dann an?

In: sfd & grotesk, Literaturzeitschrift der Schule für Dichtung Wien, 2024

Home: Quote

Ankommen

Nicht mehr verglühen

und meine Kraft versprühen.

Nicht mehr eingehen

an meiner Übertemperatur.

Nicht mehr ständig

mir selbst hinterherrennen

oder einem falschen Bild von mir.

Mal mein Moment-Ich akzeptieren

und dann langsam weiterwachsen,

als gäbe es keine Zeit zu verlieren,

weil es keine Zeit zu verlieren gibt.

Und als wäre ich schon dort,

wo ich schon immer sein wollte,

weil ich genau dort bin.

In: Augustin Boulevardzeitung, Wien 2019

Home: Quote
Bett(60).jpg

Tattoo 

 

Es sei meine Liebe gewesen,   

die ich über dich 

und den Himmel unserer Wüste spannte, 

in der nur Aloe Vera wuchs, 

damit wir nicht verbrannten. 

Wir haben uns an den Vulkan gelegt 

und ich habe gesagt: Ich schaffe das nicht. 

Und du: Ich folge dir überall hin. 

Dann bin ich gegangen. 

Wie ein Tattoo, hast du gesagt, 

an der Küste unserer Wüste. 

Jetzt weiß ich, was du meintest: 

wie Narben unter der Haut. 

In: DER STANDARD, Wien 2024

Home: Quote
Bett(29).jpg
Bett(72).jpg

Zum Papier 

 

Wahre Kunst kann nicht anders.  

Sie hat keine Wahl.  

In ihrer Süßlichkeit 

tut sie weh. 

Wie ein Schnitt in die Ferse, aus der flüssiges Blut rinnt,  

das man bald wie Eisen auf der Zunge schmeckt,  

gerade so, als wären wir die Tuben unserer Farben,  

die über die Leinwände unserer Leben fließen,  

wie kleine Flüsse aus Orgasmen, 

aus Schößen wie Quellen, die gebären,  

oder dem zähen Saft von Pflaumen, die,  

wenn sie reif sind, platzen,  

sodass ihre Haut aufreißt,  

weil ihr Fleisch schon anfängt zu gären.  

Wahre Kunst lässt einem keine Wahl.  

Wahre Kunst ist, was passiert, wenn wir überleben wollen.  

Wenn es dunkel wird. Kunst.  

Wenn es einsam wird. Kunst,  

wenn es nichts mehr gibt,  

als diesen Raum in unserem Herzen,  

wo allein noch so viel Licht scheint: 

genug für die Bewegung zum Pinsel,  

genug für den Weg zum Klavier.  

Wo alle Lichter ausgehen:  

genug für den Schritt 

zum Papier. 

In: Haller 16 Literaturmagazin 2019

Home: Quote
Bett(40).jpg

Nordseetraum 

 

Dass wir mehr wollten, als möglich war,  

uns der Mut fehlte und uns  

der Sex nicht um den Verstand gebracht hat, 

das finde ich schade: 

dass wir nicht aufgehört haben zu denken. 

Und dass nichts übrig geblieben ist, von uns,  

als Gedichte und Leere  

und der fahle Geschmack einer missglückten Affäre,  

die nicht mein Körper, sondern mein Herz gehabt hat.  

Und dass wir ihn jetzt aufgeben mussten,  

nach all den Versuchen und all den Verlusten,  

unsern Traum von den Kindern 

unserer Freunde am Strand, die spielen, 

mit unsren, während wir Hand in Hand    

spazieren gehen. 

Und dass sie wohl doch nur ein Einfall waren,  

die Liebe, die Kinder, und die Fahrten aufs Land, 

der Wind in den Haaren 

und das Haus an der Nordsee,  

unsre Hände im Regen,  

und unsre Schritte im Sand. 

In: Why nICHt Comparative Literary Magazine
Wien, 2018

Home: Quote
Bett(40).jpg

Veröffentlichungen

Eine Auswahl

Like Jazz
In: Why Nicht Literaturmagazin

Wien, 2026

Du kennst doch die Männer
In: igfem WeissNet

Wien, 2025

An die Frauensektion

In: Koralle Magazin 02

Wien, 2025

Tattoo
In: Der Standard

Wien, 2024

In der 5
In: Pappelblatt, Zeitschrift für Literatur, Spiritualität und Menschenrechte

Wien, 2024

Ganz Ohne
In: Du siehst mich nicht, Frieling-Verlag

Berlin, 2024

Bisschen Maskara
In: sfd & grotesk (Zeitschrift der Schule für Dichtung Wien)

Wien, 2024

One-Night-Stand
In: Berge und Sichten. Gedichte.

Hildesheim, 2024

Muttermal
In: Pappelblatt -Zeitschrift für Literatur, Menschenrechte und Spiritualität.

Wien, 2019

Atelier
In: Pappelblatt -Zeitschrift für Literatur, Menschenrechte und Spiritualität

Wien, 2019

An den Vater
In: Bibliothek Deutschsprachiger Gedichte

Frankfurt a. Main, 2019

Schaukel
In: Frankfurter Bibliothek des zeitgenössischen Gedichts

Frankfurt a. Main, 2014

Home: Work
Bett(8).jpg
2

Melissa Nielsens Gedichte kreisen um Erinnerung, Nähe und weibliche Selbstverortung. Manchmal absurd, manchmal tief berührend, treten darin Menschen mit sich und anderen in Beziehung. Die Natur wird dabei zum Spiegel innerer Bewegungen, Sprache zum Raum für Verletzlichkeit, Genuss und Widerstand. Ihre Texte verbinden emotionale Klarheit mit Sinnlichkeit und feinem Humor.

 

Erschienen sind ihre Gedichte in zahlreichen Literaturzeitschriften und Anthologien, darunter der Standard, Koralle Magazin, Pappelblatt, Lyrischer Lorbeer, Frieling Verlag Berlin und die Schule für Dichtung Wien. 2024 erhielt sie den Hildesheimer Lyrikpreis. Sie ist Mitglied der Interessensgemeinschaft Feministische Autorinnen (IG fem).

Home: Bio
bottom of page