

Melissa Nielsen
POETRY
"If I love you I have to make you conscious of the things you don't see."
James Baldwin


Atelier
Ich bin eine andere geworden
seitdem ich das letzte Mal
in deinen Räumen war.
Es ist jetzt Zeit.
Ich möchte, dass du mich malst.
Ich lege mich hin für dich
wie Judith für Klimt, Iris für Modigliani
und die roten Mädchen aus Paris für Renoir.
Ich möchte, dass du mich in deine Farben tauchst,
bis ihr Öl von meinen Haaren tropft
und über meinen Körper fließt,
zwischen die Finger deiner Hände,
die meinen Formen folgen,
wie ein Töpfer den Rundungen feuchten Tons.
Siehst du nicht, wie er sie küssen will
und hält am Höllentor? Rodin.
Wie sie sie hält? Manet. Chagall:
Wie er sie liebt?
Lass ihn sie küssen und halten.
Ein Maler wie Klimt
ließ ihn sie küssen
und halten.
In: Bibliothek Deutschsprachiger Gedichte
Ausgewählte Werke XXII

Muttermal
Sie hat ein Muttermal auf ihrer Hüfte,
das liegt dort wie ein kleiner brauner See.
Und dieser See ist wie umrahmt von einer
Landschaft ohne Weg und Ziel,
aber durch die ich fahren kann,
mit meinen Fingern.
Und ihr Slip ist wie ein Hafen,
der verbirgt, wohin es geht,
wenn sie sich aufsetzt und erzählt,
oder sich mit ihrem nackten Mund
und Augen in den Laken dreht.
Und ihre Haut ist wie vom Sand im Wind
ganz weich geschliff'ner Stein.
Ich segle heut zu deinem Hafen.
Ich kaufe dort ein Boot für dich.
Wir fahren zur See.
In: Pappelblatt, Journal for Literature, Human Rights and Spirituality, Dec. 2019

Bisschen Mascara
Manchmal ziehe ich mein Gesicht
falschherum auf, dann fällt etwas heraus
oder es beginnt zu tropfen.
Heute, zum Beispiel, da ist es passiert,
da hat es pulsiert.
Nicht mal Schminken ging mehr.
Da hab ich mir das Teil vom Schädel gerissen,
in eiskaltes Wasser in die Spüle geschmissen,
doch die Haut an den Seiten, die war schon so dünn,
sie ist mir tatsächlich eingerissen!
Morgens um 8!
Was hab ich dann mit dem blutenden Ding gemacht?
Ja, was willst du auch machen? Es wurd ja schon spät.
Also hab ich’s, trotz seiner Porosität,
seitlich wieder zusammengenäht.
Und dann hab ich’s,
natürlich halb zerfetzt,
richtigherum wieder aufgesetzt.
Bisschen Mascara.
Und dann bin ich zur Arbeit.
Jetzt ist es schon Abend und ich hab’s immer noch an.
Nur trau ich mich nicht, es mehr auszuziehen.
Was, wenn ich’s dann nicht mehr tragen kann?
Was zieh ich dann an?
In: sfd & grotesk, literary journal of the Vienna School of Poetry, 2024

Ankommen
Nicht mehr verglühen
und meine Kraft versprühen.
Nicht mehr eingehen
an meiner Übertemperatur.
Nicht mehr ständig
mir selbst hinterherrennen
oder einem falschen Bild von mir.
Mal mein Moment-Ich akzeptieren
und dann langsam weiterwachsen,
als gäbe es keine Zeit zu verlieren,
weil es keine Zeit zu verlieren gibt.
Und als wäre ich schon dort,
wo ich schon immer sein wollte,
weil ich genau dort bin.
In: Augustin Boulevardzeitung, Sept. 2019

Tattoo
Es sei meine Liebe gewesen,
die ich über dich
und den Himmel unserer Wüste spannte,
in der nur Aloe Vera wuchs,
damit wir nicht verbrannten.
Wir haben uns an den Vulkan gelegt
und ich habe gesagt: Ich schaffe das nicht.
Und du: Ich folge dir überall hin.
Dann bin ich gegangen.
Wie ein Tattoo, hast du gesagt,
an der Küste unserer Wüste.
Jetzt weiß ich, was du meintest:
wie Narben unter der Haut.
In: DER STANDARD, Dec. 2024


Zum Papier
Wahre Kunst kann nicht anders.
Sie hat keine Wahl.
In ihrer Süßlichkeit
tut sie weh.
Wie ein Schnitt in die Ferse, aus der flüssiges Blut rinnt,
das man bald wie Eisen auf der Zunge schmeckt,
gerade so, als wären wir die Tuben unserer Farben,
die über die Leinwände unserer Leben fließen,
wie kleine Flüsse aus Orgasmen,
aus Schößen wie Quellen, die gebären,
oder dem zähen Saft von Pflaumen, die,
wenn sie reif sind, platzen,
sodass ihre Haut aufreißt,
weil ihr Fleisch schon anfängt zu gären.
Wahre Kunst lässt einem keine Wahl.
Wahre Kunst ist, was passiert, wenn wir überleben wollen.
Wenn es dunkel wird. Kunst.
Wenn es einsam wird. Kunst,
wenn es nichts mehr gibt,
als diesen Raum in unserem Herzen,
wo allein noch so viel Licht scheint:
genug für die Bewegung zum Pinsel,
genug für den Weg zum Klavier.
Wo alle Lichter ausgehen:
genug für den Schritt
zum Papier.
In: Haller 16 Literature Magazine 2019

Nordseetraum
Dass wir mehr wollten, als möglich war,
uns der Mut fehlte und uns
der Sex nicht um den Verstand gebracht hat,
das finde ich schade:
dass wir nicht aufgehört haben zu denken.
Und dass nichts übrig geblieben ist, von uns,
als Gedichte und Leere
und der fahle Geschmack einer missglückten Affäre,
die nicht mein Körper, sondern mein Herz gehabt hat.
Und dass wir ihn jetzt aufgeben mussten,
nach all den Versuchen und all den Verlusten,
unsern Traum von den Kindern
unserer Freunde am Strand, die spielen,
mit unsren, während wir Hand in Hand
spazieren gehen.
Und dass sie wohl doch nur ein Einfall waren,
die Liebe, die Kinder, und die Fahrten aufs Land,
der Wind in den Haaren
und das Haus an der Nordsee,
unsre Hände im Regen,
und unsre Schritte im Sand.
In: Why nICHt Comparative Literary Magazine 2018

Publications
A selection
Like Jazz
In: Why Not Literary Magazine
Vienna, 2026
Du kennst doch die Männer
In: igfem WeissNet
Vienna, 2025
Tattoo
In: Der Standard
Vienna, 2025
Tattoo
In: Der Standard
Vienna, 2024
In der 5
In: Pappelblatt, Zeitschrift für Literatur, Spiritualität und Menschenrechte
Vienna 2024
Ganz Ohne
In: Du siehst mich nicht, Frieling-Verlag
Berlin 2024
Bisschen Maskara
In: sfd & grotesk (Zeitschrift der Schule für Dichtung Wien)
Vienna, 2024
One-Night-Stand
In: Berge und Sichten. Gedichte.
Hildesheim, 2024
Muttermal
In: Pappelblatt -Zeitschrift für Literatur, Menschenrechte und Spiritualität.
Wien, 2019
Atelier
In: Pappelblatt -Zeitschrift für Literatur, Menschenrechte und Spiritualität
Vienna 2019
An den Vater
In: Bibliothek Deutschsprachiger Gedichte
Frankfurt a. Main, 2019
Schaukel
In: Frankfurter Bibliothek des zeitgenössischen Gedichts
Frankfurt a. Main, 2014

About the Poetry
Melissa Nielsen's poems revolve around memory, intimacy, and female self-discovery. Sometimes absurd, sometimes deeply moving, they explore how people relate to themselves and others. Nature becomes a mirror reflecting inner turmoil, language a space for vulnerability, pleasure, and resistance. Her texts combine emotional clarity with sensuality and subtle humor.
Her poems have been published by numerous literary journals and anthologies, including Der Standard, Koralle Magazin, Pappelblatt, Lyrischer Lorbeer, Frieling Verlag Berlin, and the Vienna School of Poetry. In 2024, she received the Hildesheim Poetry Prize. She is a member of the Association of Feminist Writers (IG fem).







